Interview mit Leonid Schneider: wissenschaftliche Integrität und die deutsche Justiz

Im Rahmen unseres Engagements für die Bekämpfung für guter wissenschaftlicher Praxis, führten wir ein Interview mit dem deutschen Biologen und Wissenschaftsjournalisten Leonid Schneider. Ziel ist es vor allem die Beziehung zwischen der deutschen Justiz und der Bekämpfung des wissenschaftlichen Fehlhaltens zu verstehen.

Dieses Interview wurde ursprünglich am 7. Januar 2017  auf Mediapart veröffentlicht.

Sollte die Justiz in Fragen zu wissenschaftlichem Betrug eingreifen und in die Arbeit von Wissenschaftsjournalisten, die versuchen, das Leben der Patienten zu schützen? Ist dies nicht eher eine Aufgabe für die Büros für wissenschaftliche Integrität und Ethik-Kommissionen?

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) macht einen guten Job um die wissenschaftliche Integrität in Deutschland zu schützen, wie ihre jüngste Entscheidung zu Kathrin Mädler beweist.

Der Biologe und Wissenschaftsjournalist Leonid Schneider ist der Betreiber der Plattform “For Better Science” (für eine bessere Wissenschaft). Er wurde vor kurzem von der deutschen Justiz verurteilt, einen Absatz aus einem Text zu entfernen, den er zu dem Fall des italienischen Chirurgen Paolo Macchiarini und seiner ehemaligen deutschen Mitarbeiter im November letzten Jahres veröffentlichte. Macchiarini ist schuld an einem großen europäischen Skandal ,der sieben Patienten das Leben kostete.

Die Gegner von Leonid Schneider sind das deutsche Duo Thorsten und Heike Walles, der erste ist Thoraxchirurg und Professor an der Universitätsklinik Würzburg in Bayern. Thorsten Walles ist bekannt vor allem für seine Arbeit an der Operation der Trachea, regenerative Medizin, Tissue Engineering und Früherkennung von Lungenkrebs. Heike Walles, die Frau von Thorsten, ist Biologin.

Seraya Maouche (S. M.): Guten Morgen und Danke für Ihre Bereitschaft, Fragen zu Ethik und Integrität zu beantworten.

Leonid Schneider (L. S.): Vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview.

S. M .: Wir haben vor kurzem von der Entscheidung des bayerischen Justiz erfahren, die Sie nach Ihrem Artikel im Zusammenhang mit dem Fall der sogenannten  “Walles ‘Trachea-Transplantationen” verurteilte. Die Entscheidung des Gericht wurde am 20. Dezember 2016 gefällt, Ihren Artikel darüber haben Sie am 3. Januar veröffentlicht. Wann haben Sie diese Gerichtsentscheidung erhalten?

L. S .: Ich erhielt die Entscheidung des Gerichts am 28. Dezember. Vor dieser Entscheidung erhielt ich auch einen Brief von Walles Anwalt , in dem er mich aufforderte, ca 3000 € Anwaltskosten zu zahlen, weil seine Mandanten durch meine Berichterstattung sich diffamiert glauben. Dabei basierte mein Artikel auf einem Buch, dem sie selbst zugestimmt haben! Gleichzeitig haben aber Walles und ihre akademischen Arbeitgeber, die Universität Würzburg und der Fraunhofer-Gesellschaft, es kategorisch abgelehnt mir meine Fragen zu den früheren Luftröhren-Transplantationen zu beantworten, die in dem besagten Buch aus dem Jahr 2013 erwähnt wurden.

Decision
S. M.: Wussten Sie, dass das Landgericht Bayern in Würzburg an Ihrem Fall arbeite?

L. S .: Ich hatte absolut keine Ahnung. Damit habe ich gar nicht gerechnet, aber offenbar funktioniert das deutsche Rechtssystem so.
Das Gericht befand einfach dass, wenn die Vorwürfe gegen mich unbegründet wären, würde ich in der Lage sein, mehrere Tausend Euro an Anwaltskosten zu zahlen, um mich zu verteidigen! Ansonsten wäre ich durch meine Armut automatisch schuldig und hätte verdient ins Gefängnis gesteckt zu werden, nehme ich an. Meine Fakten und  Argumente spielen keine Rolle , solange ich mit meinen Anklägern nicht finanziell konkurrieren kann. Mit einem solchen Rechtssystem ist es klar, dass man in Deutschland das Bloggen und „Whistleblowing“ für eine verabscheuungswürdige Tätigkeit hält, so dass eine Person wie ich dann vor der Justiz automatisch schuldig ist.

S. M.: Als Sie die Entscheidung des Gerichts von 20. Dezember 2016 veröffentlicht haben, haben Sie überprüft, ob dies mit dem Recht in Deutschland im Einklang steht?

L. S .: Ich habe keine Ahnung. Das Schreiben des Gerichts verbietet nicht die Veröffentlichung, aber ich bin kein Jurist. Vielleicht sollte diese Gerichtsentscheidung geheim sein, mich würde nichts mehr überraschen.

S. M.: Was genau war die Entscheidung des Gerichts?

L. S.: Das Gericht verurteilte mich, einen Absatz aus  meinem Artikel vom 7. November 2016  zu löschen,  und Gerichtskosten zu zahlen, die enorm sind. Wenn ich nicht diesem Beschluss nachkomme, werde ich mit 250 000 € Geldstrafe oder 6 Monate Gefängnis bestraft werden. Für mich könnte dieser Betrag auch € 250 Millionen sein! Ich bin kein deutscher Professor für Medizin (oder Richter, was finanziell auf dasselbe hinauskommt). Diese Zahlen machen für mich keinen Sinn. Vermutlich  ist es meine Schuld, arm zu sein. Glücklicherweise gaben meine Leser mir Unterstützung und halfen auch finanziell um gegen die Gerichtsentscheidung angehen zu können.

S. M. : Ist Thorsten Walles der neue Paolo Macchiarini von Deutschland?

L. S .: Offenbar sieht das Ehepaar Walles die bloße Verweisen auf ihre frühere Forschung mit Macchiarini als eine Form der Diffamierung, und der Richter akzeptiert dies als Argument.

Wir wissen, dass Walles an der Medizinischen Hochschule Hannover ihre erste Luftröhren-Transplantation mit ihrer Schweinedarm-Methode zusammen mit ihrem ehemaligen Vorgesetzten Macchiarini gemacht haben. Ihr Vorgesetzter ist auch der korrespondierender Autor auf beiden Walles Veröffentlichungen aus dem Jahr 2004 (auf Publikationen trägt Heike Walles den Namen ihres damaligen Ehemanns, Mertsching). Über diese Zusammenarbeit mit Macchiarini hat Thorsten Walles früher noch selbst stolz in seinen Interviews erzählt. Seine Frau Heike Walles erhielt Mittel von der DFG, um mit Macchiarini eine Technologie für Luftröhren Transplantation zu entwickeln. Aber sind die Fakten denn wichtig? Nicht wirklich.

S. M.: In Frankreich wurde der Fall Paolo Macchiarini  mit nationalem Desinteresse verfolgt. Le Monde veröffentlicht “Scandal Nobel Land” und in Mediapart sprach Michel Pracontal vom “ethischen Tschernobyl“. Wird in deutschen Medien über den Fall Macchiarini, den sie früher hochgejubelt haben, nun berichtet?

L. S.: Nicht wirklich. Es gab nicht viele Artikel zum Macchiarini-Skandal in Deutschland, obwohl seine trachealen Transplantationen in Hannover begannen,  zusammen mit Heike und Thorsten Walles. Nachdem ich jetzt mit dem deutschen Rechtssystem so zusammenstieß,verstehe ich endlich, warum die deutschen Medien die Berichterstattung über solche Fälle meiden. In der Tat, der ehemalige Student Macchiarini, der auch sein rechter Arm ist, Philipp Jungebluth, hat ebenfalls Anwälte gegen mich eingesetzt. Ich veröffentlichte einen Bericht über diesen Fall am 27. Dezember. Wir haben sehr selten medizinische Skandale in Deutschland, jetzt weiß ich, warum. Nicht, weil deutsche Ärzte die besten und ehrlichsten wären, sondern weil das Gesetz automatisch auf ihrer Seite ist.

S. M.: Ich persönlich glaube nicht, die deutschen Ärzte wären ein Modell für Integrität,  zumindest die, die ich traf, als ich in Deutschland war. Haben Sie versucht, die Bundesärztekammer oder Ärztekammer Ihrer Umgebung (Bundes- oder Landesärztekammer in Deutschland) zu kontaktieren?

L. S.: Ja, ich habe die Bundesärztekammer angeschrieben, mit einer Beschwerde über Thorsten Walles, der ein Chirurg ist. Dies ging nicht bei Heike Walles, weil sie eine Biologin ist (übrigens, früher war sie Mitglied des Deutschen Ethikrats). Sie hatte die Transplantate in ihrem Labor am Fraunhofer Institut hergestellt, und ihr Mann implantierte sie dann in Patienten in einer Klinik in Stuttgart. Ich habe auch die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) über die  unbegründeten und verleumderischen Aktionen ihrer Mitglied gegen mich informiert.

S. M.: Im Falle von Paolo Macchiarini gab es sieben Tote, wie war das  mit den Transplantationen von  Thorsten und Heike Walles?

L. S. : Nun, das Problem ist, dass niemand irgendwelche Informationen herausgibt, einschließlich der Universität und der Kliniken, wo das Ehepaar Walles beschäftigt sind oder waren. Vor und nach meiner Berichterstattung zu diesem Thema, richtete ich an diese eine Reihe von Fragen aus: Wie viele Patienten sind insgesamt transplantiert worden, welche Art von Transplantaten sie erhalten haben, was ihre Diagnose war und ob die transplantierten Patienten noch am Leben wären. Keine Antwort! Alle meine Anfragen und Informationsgesuche wurden verweigert. Denken Sie aber daran, dass diese Forschung mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde. Die Ergebnisse dieser Arbeit dürfen aber nicht in die Öffentlichkeit. Ich hatte als Vorlage nur dieses Buch aus dem Jahr 2013, das ich vorhin erwähnt habe, um meine Arbeit zu beginnen. Dieses Buch sprach von drei Patienten, von denen zwei bald nach der Transplantation verstarben (laut Beschreibung, leidete einer an  dem angeblich desaströs gescheiterten Transplantat).  Der dritte, ein indischer Patient, beging Selbstmord, aber in dem Buch wird ein Scheitern der Transplantation und das Leiden des Patienten darunter nahegelegt. Sein Tracheostom wurde nämlich wieder geöffnet, um ihm das Atmen zu erlauben, was ihn wohl sehr bedrückte. Wenn manein Tracheostom trotz einer neuen Trachea legen muss, bedeutet dies, daß das Transplantat nicht erfolgreich war. Das ist, was ich schrieb, es war keine Verleumdung, sondern Fakten.

Nach dem Empfang des Schreiben des Walles-Anwalts machte ich eine gründliche Recherche im Internet, und ich konnte die Details dieser drei Transplantationen etablieren. Ich entdeckte auch, dass die letzten zwei Luftröhren-Transplant-Patienten in den nachfolgenden Würzburger Publikationen von Walles und sogar in einem Buch as 2015 von Thorsten Walles beschrieben wurden. Diese Fachliteratur beschreibt die Patienten, als ob sie noch am Leben wären, obwohl  sie schon damals seit Jahren tot waren. Wesentliche medizinische Details ihrer Fälle wurden auch offenbar verschwiegen. Sie können weitere Informationen in meinem Beitrag vom 10. Dezember 2016 lesen.

S. M.: Sie schrieben : Aus “Mein Kampf ” darf man in Bayern öffentlich zitieren, aber nicht aus einem  2013 Buch über tracheale Transplantationen. Ist es Bernhard Albrechts Buch? Ich habe dieses Buch nicht gelesen, geht es da ausschließlich um Walles?BookAlbrecht

L. S.: Ja, das ist das Buch von Bernhard Albrecht ( “Patient meines Lebens: Von Ärzten, die alles wagen“). Das Buch beschreibt mehrere Ärzte und erzählt über deren bedeutendsten Patienten. Für Thorsten Walles, Bernhard Albrecht beschreibt den Fall des dritten Luftröhren-Transplant-Patienten, eines indischen Einwanderers. In der Tat, ich sprach mit dem Autor des Buches, die mir bestätigte, dass das Tracheostom bei diesem Patient kurz nach der Transplantation wieder geöffnet wurde. Doch Walles erwähnt nie dieses Tracheostom, nirgendwo. In seinem Buch von 2015 “Was gibt es neues in der Chirurgie?”, hatte dieser Patient keine postoperative Behandlung und wird als lebendig und vollständig geheilt präsentiert! Die Wahrheit ist, dass der Patient im Jahr 2011 Selbstmord beging.

S. M.: Im Rahmen des Macchiarini-Falls hat die wissenschaftlichen Zeitschrift Nature heftige Kritik an dem Stillhalten der Institutionen geübt. Glauben Sie, dass diese Veröffentlichung ein gutes Argument für Ihre Beschwerde sein wird?

L. S .: Schweden ist das transparenteste Land in der Welt, dennoch war es eine Katastrophe, das der  Macchiarini-Skandal lange Zeit verschleiert werden konnte. Er wurde schließlich durch die mutige Arbeit von Journalisten aufgedeckt. Nun ist Deutschland wahrscheinlich das genaue Gegenteil von Schweden, was die Transparenz im akademischen und medizinischen Umfeld angeht. Es gibt keine Freiheit der Information: die Gesetze existieren gar nicht erst in allen einzelnen Bundesländern oder die Universitäten sind praktisch davon ausgenommen, oder Bundesforschungseinrichtungen wie die Fraunhofer Gesellschaft ignorieren ihre Gesetzespflicht. Um Ihnen ein Beispiel geben:, Macchiarini ist immer noch Außerplanmäßiger Professor in Hannover. Die Medizinische Hochschule Hannover verweigerte aber die Antwort, ob er noch dort Vorlesungen geben würde. Dabei hat sie auch Rückendeckung von dem Datenschutzbeauftragten erhalten, laut dem das Vorlesungsverzeichnis eines Universitätsprofessors zur Privatsphäre gehört und daher geschützt  werden muss!

S. M.: In der Thoraxchirurgie führte die Arbeit von Thorsten Walles zu den ersten klinischen Anwendungen von bioartifiziellem Gewebe  für den Wiederaufbau der Atemwege. Gab es laut Ihrem Artikel vom 7. November Nebenwirkungen von diesen Anwendungen?

L. S .: Wir sind nicht befugt, etwas über diese Transplantationen zu erfahren oder gar das Bernhard Albrecht Buch zu kommentieren oder zitieren, ohne durch den Walles-Anwalt strafrechtlich verfolgt zu werden. Wir wissen, dass der zweite Patient kurz nach der Operation verstarb, und wir können davon ausgehen, dass die dritte Transplantation nicht funktioniert hat, anders als man uns glauben machen versucht. Wir wissen auch, dass Walles vor mehreren Jahren eine Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erhielten, um diese Methode bei 15 Patienten anzuwenden. Diese Zahl wurde später auf fünf reduziert, aber dieser klinische Versuch fand trotzdem nie statt (die Finanzierung ist wahrscheinlich inzwischen abgelaufen.) Ich versuche jetzt, den Grund dafür von den zuständigen  Behörden zu erfahren.

S. M .: Der Richter verurteilte Sie, einen kurzen Absatz Ihres Artikels vom 7. November 2016 zu löschen, die die Angelegenheit Paolo Macchiarini und die Trachea-Transplantation von Walles diskutiert. Wo ist das Problem in diesem Absatz?

L. S.: Das Problem? Keine Ahnung, wie Sie wissen, ich bin kein Jurist, ich schreibe über die Forschungsintegrität und gute wissenschaftlichen Praxis. Das Albrecht Buch liest sich viel kritischer als ich in Bezug auf die Transplantationen von Walles. Auch haben diese in ihrem Schreiben an das Gericht diese beschriebenen Ereignisse nie bestritten. Dort werde ich aber der Verleumdung beschuldigt, mir wird unterstellt meine Identität zu verbergen, keine Kontaktmöglichkeit anzubieten, das Albrecht-Buch nicht “ordentlich”zu lesen usw. Das Problem mit meinem Artikel ist wohl, er wurde in englischer Sprache geschrieben und im Internet veröffentlicht, jeder kann ihn lesen. Zwei deutsche Professoren sind nicht glücklich mit ihm, das ist in Deutschland genug, um Menschen vor Gericht zu verfolgen.

S. M.: Sie haben auf Ihrer Webseite geschrieben, das Gericht fand Sie “schuldig der Lüge und Verleumdung in einem Verfahren, zu dem ich nicht eingeladen worden war”. Wie Sie erfahren haben, soll das in Deutschland normal sein. Die Gegenpartei hat ein Dringlichkeitsverfahren aufgrund laufender Berufungsverfahren zu neuen Professuren und dem angeblich geschädigten Ansehen ihrer Universität durchgesetzt. Werden Sie Widerspruch einlegen?

L. S.: Natürlich werde ich gegen die Entscheidung vom 2z. Dezember 2016 protestieren. Das ganze ist lächerlich und eine Schande für das deutsche Rechtssystem.

S. M.: Thorsten Walles beschäftigt sich in Deutschland und Europa mit dem rechtlichen Rahmen des Tissue Engineering und der regenerativen Medizin. Im Jahr 2010 veröffentlichte er mit Ulrike Brucklacher in Pharmarecht einem Artikel über den nationalen und europäischen Rahmen für das Tissue Engineering. Warum hat der Richter, der Sie verurteilte, das nicht in Betracht gezogen?

L. S.: Die Operation an dem indischen Patienten wurde nur drei Monate vor der Verabschiedung einer neuen EU-Verordnung betrieben, die diese klinische Intervention des Ehepaar Walles auf diesem Patienten untersagt hätte. Nach dem Buch von Albrecht, gab es eine behördliche Untersuchung, die Thorsten Walles für eine Weile in Schwierigkeiten brachte. War etwa Thorsten Walles das anstehende Gesetz überhaupt nicht bewusst? Es scheint ein Experte auf diesem Gebiet zu sein, nach dem Buch, das Sie erwähnt haben. Also, warum hat er diese Transplantation dennoch gemacht? Um dem Verbot zuvorzukommen?

S. M.: Derzeit gibt es beträchtliche Debatte über den Schutz von Informanten einschließlich in der Wirtschaft, im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Steuerhinterziehung, aber die wissenschaftliche Integrität wird auch von diesen Debatten beeinflusst. In Frankreich, das neue Gesetz Tree II (Gesetz Nr 2016-1691 vom 10. Dezember 2016) sieht Maßnahmen vor, um Informanten zu schützen, es sei denn diese ist bereits durch die Anforderungen der nationalen Verteidigung und die Verhaltensregeln der medizinischen Berufe und Rechtsanwälte abgedeckt. Was gibt es für eine Regulierung in Deutschland?

L. S.: In Deutschland werden Whistleblower als Abschaum angesehen. Niemand schützt sie und sie können vor Gericht mit Vorwürfen  der Verleumdung und Rufschädigung leicht verfolgt und verurteilt werden. Diese Informanten wären nie in der Lage, genügend Beweise zu beschaffen um sich zu verteidigen, weil die deutschen Universitäten sämtliche Informationen geheim und geschützt halten dürfen. Aber niemanden stört es, denn weil wir so gut wie nie Wissenschaftsskandale in Deutschland haben, brauchen wir auch keine Whistleblower, nicht wahr? Sie sehen, das System funktioniert!

S. M.: Laut einem durchgesickerten Papier in The Guardian welches mit deutschen Radio NDR geteilt wurde, fand das internationale Konsortium von Investigativen Journalisten heraus, dass der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, heimlich die EU-Initiativen blockierte, die Steuerhinterziehungsadressen von multinationalen Unternehmen offenzulegen, als er noch Premierminister des Großherzogtums Luxemburg war. Was denken Sie sollte getan werden, um Informanten zu schützen?

L. S.: Möglicherweise müsste die Beweislast umgekehrt werden. Stattdessen erteilen Richter einstweilige Verfügungen, ohne auch nur auf die Beweise zu schauen, weil sie einfach davon ausgehen, dass jemand der zu Unrecht verurteilt wird, der wird schon genug Geld für Anwälte und Gerichtskosten haben, um sich zu wehren. Aber der Richter muss auch im Namen derer handeln, die er wegen Verleumdung angeklagt. Der Richter muss die Beweise prüfen und die Angeklagten bitten deren Version der Ereignisse in den Fällen zu geben, wo die Lage nicht klar ist. Am besten wäre es, die Richter sollten sich einfach weigern, in Fällen von wissenschaftlichen Kontroversen zu intervenieren. Denn das ist genau der Fall bei Walles: es ist wissenschaftliche Kritik, sonst nichts. Ja, als Wissenschaftler leidet dein Ruf, wenn deine Forschung kritisiert wird. Dir kann sogar eine Professur verweigert werden, wenn eine solche Kritik berechtigt war. Und dann? Ist das ein Grund, einen Gerichtsbeschluss zu bekommen? Werden wir bald gerichtlich erzwungene Retractions von kritischen Publikationen sehen,  oder junge Postdocs ohne einen Cent in der Tasche wandern bald ins Gefängnis, weil  sie Kritik an der schlechten wissenschaftlichen Praxis ihrer Professoren zu äußern wagten?

S. M.: Die PubPeer Webseite, die mehrere Fälle von wissenschaftlichem Betrug aufdeckte, wie im Voinnet Fall in Frankreich, hat vor kurzem eine Klage gegen Dr. Fazlul H. Sarkar gewonnen. Planen Sie dieses Beispiel als Argument für Ihren Widerspruch zu benutzen?

L. S.: Es ist interessant, dass Sie an den Voinnet Fall erinnern. Whistleblowers haben all diese Beweise der Datenmanipulation auf der PubPeer-Plattform veröffentlicht, aber auch dank meiner regelmäßigen investigativen Berichterstattung zu diesem Fall, (damals für eine deutsche Zeitschrift) gelang dies an die breite Öffentlichkeit. So konnte eine mögliche institutionelle Vertuschung verhindern werden. Zurück zu Sarkar Fall: PubPeer wurde nicht direkt verklagt. Das Gericht verlangte, dass das Team PubPeer die Identität des Informanten verraten, der ursprünglich auf der Plattform Datenmanipulationen in Sarkar Publikationen berichtete. Sarkar hat wohl geplant, diesem Whistleblower dann juristisch nachzustellen. PubPeer gewannen den Prozess, weil sie eine enorme pro bono Unterstützung  aus verschiedenen Quellen erhalten haben. Kürzlich erhielt das Team PubPeer von einer US-amerikanischen Stiftung für Forschungsintegrität mehr als $400 000 Förderung, die sie in eine noch stärkere Position bringen wird, vor allem wenn es neue Gerichtsverfahren geben sollte. Ich habe auch eine finanzielle (und viele moralische!) Unterstützung von meinen Lesern erhalten, die für meine jetzige Verteidigung sehr wichtig ist. Dies ist ein Fall von grundsätzlicher Bedrohung der Meinungs- und Pressefreiheit.

S. M.: Ich lese online viele Botschaften der Unterstützung für Sie. Was ist das für ein Gefühl, eine solche internationale Mobilisierung, vor allem von den Forschern, zu sehen?

L. S.: Es ist toll, so viele  Menschen, davon viele Wissenschaftler, zu sehen, denen es daran liegt die wissenschaftliche Integrität und biomedizinische Ethik zu fördern. Diese Mobilisierung zeigt, dass es in der Tat eine große Nachfrage und eine immer größere Sensibilität für diese Fragen der Integrität existiert. Ich werde auch weiterhin für all diese Menschen arbeiten und schreiben. Ich hoffe, es wird noch mehr Wissenschaftler, aber auch Bürger-Aktivisten, dazu bewegen, nach besseren Wissenschaft zu streben. Je mehr wir sind, desto schwieriger wird für die Universitätsrüpel der Versuch, uns einzuschüchtern und den Mund zu verbieten. Es könnte sein, dass eine große Revolution in der Wissenschaft ansteht. Ich rufe die Wissenschaftler und alle ehrlichen Menschen auf, sich daran zu beteiligen.

S. M.: Danke für das Interview und viel Glück für Ihren Widerspruch.

L. S.: Nochmals vielen Dank an Sie!

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